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Was es mit dem Ohrwurm auf sich hat
DAS MAGAZIN VON NEUROTH

MUSIK IN DEN OHREN

Was es mit dem Ohrwurm auf sich hat

Autor

Sabrina Luttenberger I Graz I Credit: Michael Königshofer

Sabrina Luttenberger

Gastautorin

12.12.2019

„Last Christmas“ & Co.– zuerst kommen sie aus dem Nichts und dann gehen sie nicht mehr weg: Ohrwürmer. Aber was hat es mit den Liedern, die nonstop in unserem Kopf abgespielt werden, auf sich? Und wie kann man sie wieder loswerden? Denn wenn man die gleiche Textzeile zum hundertsten Mal hört, kann einen das ja irgendwann ganz schön wurmen.

Wenn man es genau nimmt, stimmt die Bezeichnung „Ohrwurm“ eigentlich gar nicht. Denn echte Ohrwürmer, also die krabbelnden Insekten aus der Natur, kriechen gar nicht ins menschliche Ohr – so wie es die Lieder tun, die wir nicht mehr aus dem Kopf kriegen. Amerikaner und Spanier haben deshalb auch einen anderen Namen für dieses Phänomen: „Klebelieder“. Das passt, denn ist der Ohrwurm einmal drin, wird man ihn nur mehr schwer los. Immer und immer wieder fängt unser Gehirn dabei von vorne an. Immer mit der gleichen Strophe oder demselben Refrain. Und noch einmal.

Das ist schon bei Liedern, die uns gefallen, eine Herausforderung – passiert uns das mit einem Song, den wir als nervig empfinden, kann der Ohrwurm zu einer echten Qual werden. Blöderweise ist aber gerade das oft der Fall. Während wir unsere Lieblingsmusik nämlich einfach „nur hören“, wird unsere Aufmerksamkeit bei Musik, die uns nicht gefällt, gefordert. Das regt wiederum unser auditives Gedächtnis an, das sich beginnt, mit dem Lied zu beschäftigen und dann ist es eigentlich schon zu spät.

Gesangsstunde des Gehirns

Grundsätzlich können Ohrwürmer von allen möglichen Dingen ausgelöst werden. Man sieht ein Fahrrad und stimmt innerlich sofort in „Bicycle“ der Rockband Queen ein. Besonders gerne suchen uns Ohrwürmer aber dann heim, wenn wir einmal an gar nichts denken. Wenn wir uns entspannen und ausnahmsweise nicht konzentrieren müssen. Wir liegen auf der Couch, kochen unser Leibgericht oder gehen spazieren und plötzlich ist sie da: die Melodie, die wir jetzt in Endlosschleife hören. Neurologen sagen deshalb auch „Involuntary musical imagery“ dazu, also Musikbilder, die ungewollt entstehen. Warum das so ist, weiß Eckart Altenmüller, Direktor des Instituts für Musikphysiologie und Musikermedizin an der Musikhochschule Hannover. In einem Interview mit dem SZ Magazin sagt er: „Ein Ohrwurm ist eine Form von Dauerzyklus. Eine Erregungsschleife zwischen dem inneren Hören und dem inneren Singen.“

Das Gesangszentrum in der linken Hirnhälfte singt dem akustischen Gedächtnis in der rechten Hirnhälfte etwas vor, das reagiert darauf und regt damit erneut das Gesangszentrum an. Ein Vorgang, der sich unzählige Male wiederholt. Bei Menschen, die sehr schlecht hören, könne sich das, so Altenmüller, sogar verselbstständigen. Weil sie so gut wie keine externen Geräusche hören würde, produziere das Gehirn für sich selbst Musik und bliebe auf den gleichen Liedern hängen. So entstünden in seltenen Fällen pathologische, also krankhafte, Ohrwürmer. Der Normalfall ist, dass sie früher oder später von selbst verschwinden. Man kann sogar ein bisschen nachhelfen.

Weghören zwecklos

Manche Ohrwürmer wuseln einem eine Stunde im Kopf herum, andere einen ganzen Tag. Wer es gar nicht mehr aushält, kann es mit ein paar Tricks probieren. Also zum Beispiel das Ohrwurm-Lied einmal konzentriert anhören und hoffen, dass das Gehirn dann befriedigt ist. Wir erinnern uns nämlich eher an unfertige Aufgaben – wer das Lied von Anfang bis Ende aufmerksam verfolgt, hat die Aufgabe abgeschlossen. Man könnte es auch mit einen Gegenohrwurm probieren. Klappt das, hat man zwar noch immer einen Ohrwurm, aber vielleicht von einem besseren Song. Eine weitere Strategie ist Kaugummikauen. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass die Hirnregionen, die bei Ohrwürmern aktiv sind, auch beim Kauen beansprucht werden. Muss sich der Körper zwischen Ohrwurm und Kauen entscheiden, fokussiert er sich lieber auf das Kauen. Am besten ist aber, sich gar nicht erst auf die Musikdauerschleife im Kopf zu konzentrieren. Wer nämlich versucht, den Ohrwurm loszuwerden, leidet durchschnittlich 40 Minuten darunter. Wer ihn ignoriert, nur 22 Minuten.

Das ist aber leichter gesagt als getan. Insofern empfehlen Experten, sich bewusst mit etwas anderem zu beschäftigen: ein Buch lesen, die längst überfällige Steuererklärung machen, Sudokus lösen. Potenziellen Ohrwürmern von Vornherein aus dem Weg zu gehen, ist nämlich gar nicht so einfach. Musikwissenschaftler sagen zwar, am ehesten ohrwurmtauglich seien einfache Lieder, etwa Kinderlieder. Gleichzeitig räumen sie aber auch ein, dass komplexe oder ungewöhnliche Musikstücke gerade wegen ihrer Andersartigkeit hängen bleiben können. Das sind in Summe also ganz schön viele Songs, die ordentliches Ohrensausen verursachen können. Einer der Hits, der in Listen der größten Ohrwürmer übrigens immer ganz vorne landet, ist „I just can’t get you out of my head“ von Kylie Minogue. „Ich bekomme dich nicht mehr aus dem Kopf“ – ob sie damit wohl auch das Lied selbst meint?

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